Provinzialstraße 88: Josef Keil (1925-1938)

"Gesagt wurde uns nur, er sei an Lungentuberkulose gestorben. Aber man hat damals schon geahnt, dass da etwas nicht stimmte." - Helmut Keil, Bruder von Joseph Keil, am 08.04.2011

Joseph Keil (geb. 24.03.1925) leidet am Down-Syndrom. Die Familie nennt ihn hingebungsvoll Bubi. Er soll als Zehnjähriger das kleine Schwesterchen umsorgt haben, indem er ihren Schnuller in Zucker getaucht und ihn ihr dann in den Mund gesteckt hat.

Am 14. August 1936 wird er durch einen ärztlichen Berichterstatter in „Saarlautern“ in einem „Ärztlichen Fragebogen für idiotische oder epileptische Kinder“ erfasst. Drei Monate später kommt Joseph von der einweisenden Stelle in Saarbrücken nach Aulhausen in das Vincenzstift. Aus der erhaltenen Patientenakte geht hervor, wie Joseph ein Opfer der nationalsozialistischen Euthanasiepolitik geworden ist.

Am 20. Juli 1937 wird er auf Anordnung des Landeshauptmanns in die Heilerziehungs- und Pflegeanstalt nach Nassau-Scheuern verlegt. Die Krankheit wird als „mongoloide Form der Idiotie“ bezeichnet.

Am 3. September 1938, so wird den Angehörigen mitgeteilt, sei er verstorben. Als Todesursache wird eine Miliartuberkulose angegeben.

Kinder-Euthanasie:

Euthanasie bedeutet übersetzt „schöner Tod“, ein grauenvoller Euphemismus, hinter dem bei den Nazis die Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ stand.

Am 18. August 1939 wurden Hebammen, Geburtshelfer und Ärzte mit einem Erlass aufgefordert, behinderte Neugeborene zu melden – dies galt auch rückwirkend für Kinder bis zu drei Jahren. Die Euthanasie begann nach Kriegsbeginn mit der Ermordung dieser Kinder. Ärztliche Gutachten entschieden über Tod und Leben der Kinder, teilweise ohne diese je gesehen zu haben. Die Zahl der 1939-1945 ermordeten Kinder wird auf mindestens 5.000 geschätzt.

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