Der Moorsoldatenzyklus

Adolf Bender fertigte während seiner dreijährigen Inhaftierung in den Konzentrationslagern Börgermoor und Esterwegen heimlich Skizzen an. Aus diesen entstand Jahrzehnte später der Moorsoldatenzyklus.

Er berichtete, insbesondere jungen Menschen, als Zeitzeuge seine Erlebnisse während der NS-Zeit. "Damit so etwas nie mehr geschieht" war sein Lebensmotto. Der Moorsoldatenzyklus besteht aus insgesamt 28 Bildern. In ausliegenden Begleitheften werden die Bilder und ihre Geschichte näher erläutert. Persönliche Dokumente aus seiner Zeit in den Konzentrationslagern ergänzen die Ausstellung.


  Der Moorsoldatenzyklus wurde von der Stiftung Demokratie Saarland dem
  Adolf-Bender-Zentrum als Dauerleihgabe überlassen.


 

Die Angebote richten sich insbesondere an Erwachsene, Schulklassen und Jugendgruppen (ab 14 Jahre). Wichtig bei der pädagogischen Arbeit ist es, immer wieder Bezüge zur heutigen Zeit herzustellen. Nach Absprache kann zu folgenden Themenschwerpunkten im Adolf-Bender-Zentrum gearbeitet werden (Dauer ca 1,5h - 6h):

  • Jugend in der NS-Zeit
  • Zeitzeugen: Ihre Geschichte, ihre Motivation
  • Antisemitismus und Rechtsextremismus

Hinweis:
Im Ausstellungsraum kann eine Multimediastation zur Recherche benutzt werden. Zur Besichtigung können Audio-Guides ausgeliehen werden. Außerdem können nach Absprachen die Schwerpunkte angepasst werden.

Kontakt:

Dr. Thomas Döring
Tel.: (06851) 808279-2
e-Mail: thomas.doeringif20@adolf-benderif20.de

Nach vorheriger Absprache bieten wir Führungen für Schulklassen und Jugendgruppen an. Diese dauern etwa eine bis eineinhalb Stunden.

Zur Recherche kann im Ausstellungsraum eine Multimediastation benutzt werden. Außerdem können zur Besichtigung Audio-Guides (Pocket-PCs mit Kopfhörern) ausgeliehen werden.

Ebenfalls ist es nach Absprache möglich, zu pädagogischen Angeboten zu folgenden Themenschwerpunkten zu arbeiten:

  • Jugend in der NS-Zeit
  • Zeitzeugen: Ihre Geschichte, ihre Motivation
  • Antisemitismus und Rechtsextremismus

Wenden Sie sich für weitere Informationen bitte an Dr. Thomas Döring unter der Telefonnummer (06851) 808279-2 oder der E-Mail-Adresse thomas.doeringif20@adolf-benderif20.de.

Moorlandschaft

„Es regnete noch immer. In den Nachmittagsstunden fuhren wir einen Kanal entlang, dann über eine kleine Brücke. Zwei-, dreihundert Meter weiter, und ich sah das im Aufbau befindliche Lager. So hatte ich mir das immer vorgestellt. Aber als wir näher kamen und die Kommandoschreie immer lauter und ordinärer wurden, tat sich mir eine Welt auf, die fremd und abstoßend war.“ (Bender, 1993, S. 26)

Lageraufbau

Das Konzentrationslager Börgermoor wurde als eines der ersten Emslager von anfangs 90 „Schutzhäftlingen“ gebaut. Auf dem Lagergelände mit der Größe von 10ha standen letztlich 10 Baracken für jeweils 100 Gefangene.

Moorexpress

„Die kleine Dieselmaschine schleppte den ganzen Zug nur langsam voran. Eine Straße war nicht da, das Gleis lag fahrlässig über Moorlöchern und Heide. Die Wagen schwankten so, dass die Gefangenen aufatmeten, wenn sie das eine oder andere Sumpfloch glücklich überwunden hatten.“ (Henze, 1992, S. 52)

Ausmarsch ins Moor

„Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor“ lautet der Refrain des „Moorsoldatenliedes“, das im KZ Börgermoor entstand. Durch entlassene oder in andere Lager verlegte Gefangene gelangte das Lied aus dem KZ Börgermoor und wurde schließlich auch international bekannt, als ein Londoner Komponist das Lied für den bekannten Sänger Ernst Busch überarbeitete.

Torfstecher

Um 6 Uhr morgens erhielten die Gefangenen ihre Spaten und mussten unter lautem Gesang im Gleichschritt ins Moor marschieren. Dort mussten sie bis zu 1,30 Meter tiefe und 1,10 Meter breite Gräben aufwerfen. Die harte Arbeit wurde lediglich von einer 10-minütigen Frühstückspause mit trockenem Brot und einer einstündigen Mittagspause, in der dünne Suppe ausgeteilt wurde, unterbrochen und endete um 17:30 Uhr.

Torfstecher im Moor

Die Arbeiter leiden sehr unter der harten Arbeit mit ungeeignetem Werkzeug, die sie unter andauernder Demütigung und Beschimpfung und ständig der Willkür der Aufseher ausgesetzt, leisten müssen. Sie fühlen sich nicht mehr wie Menschen, sind innerlich gebrochen und finden nur Halt im Zusammenhalt und der Kameradschaft unter den Gefangenen.

Feuermacher

Die Gefangenen sind bei der Arbeit auf den Feldern den Wetterverhältnissen schonungslos ausgesetzt. Im Sommer brannte ihnen die Sonne auf die Oberkörper, im Winter litten unter eisigem Wind, Kälte, Schnee und Hagel, während sich die Wachposten an Feuern wärmten, die Arbeiter für sie anzünden mussten.

Drei Kumpel

Bei den „drei Kumpel“ handelt es sich um die Gewerkschafter und SPD-Politiker Dr. Carlo Mierendorff, Ernst Heilmann und Wilhelm Leuschner. Alle drei überlebten die Nazidiktatur nicht. Bender lernte sie bei heimlichen Treffen und Diskussionen hinter den Latrinen kennen.

Esterwegen Todesstreifen

„Zur Verstärkung bekam die die Mauer noch einen gleichlaufenden Todesweg mit elektrisch geladenem Stacheldraht. Von Entlassung war nun keine Rede mehr. Im Gegenteil, bei jeder Gelegenheit, besonders bei Apellen, wurde und mitgeteilt, dass aus diesem Lager keiner mehr herauskommt.“ (Bender, S. 33)

Weiße Mauer

Im August 1934 wurden die beiden Teillager des KZ Esterwegen zusammengelegt. Dazu errichteten die Häftlinge aus weißen Ziegelsteinen eine 2,60 Meter hohe Mauer, die sogenannte „weiße Mauer“. Sie umfasste das gesamte Lagergelände und war zusätzlich mit Stacheldraht gesichert. Von außen waren nur noch die Dächer der Baracken sichtbar.

Jauchekolonne

Während die Arbeit im Moor für die Gefangenen schwere Fronarbeit unter Schlägen und anderen Misshandlungen bedeutete, wurden für die sogenannten Jauchekolonnen vom Wachpersonal Intelektuelle ausgesucht, die Urin und Exkremente aus den Latrinen ins Moor fahren mussten. Dies geschah unter Aufsicht eines Wachpostens, wurde aber von den Gefangenen oft als vergleichsweise angenehme Aufgabe aufgefasst.

Rückkehr aus dem Moor

„Immer die gleichen Fragen, die wir uns im Graben zuflüstern: ‚Wie viel Uhr ist es?‘, ‚Wann ist Mittag?‘, ‚Wie lange geht’s noch bis Feierabend?‘“ (Langhoff, S. 202) Abends gingen die Vorarbeiter, erfahrene Torfbauern aus der Umgebung, nach Hause und berichteten dort von den Demütigungen und Misshandlungen, die die Häftlinge zu erleiden hatten. Somit konnte jeder im Umfeld des Konzentrationslagers erfahren, was dort geschah.

Knüppeldamm

Die Rückkehr aus dem Moor bedeutet für die Häftlinge keineswegs ein Ende der Qualen und Schikanen. So wurden nach „Feierabend“ auf einem speziell eingerichteten Bereich, dem sogenannten „Knüppeldamm“, unter Schlägen „Sportstunden“ abgehalten.

Prügelbock

Hiebe auf dem Bock gab es für die kleinsten Vergehen. Als bestialische Prügelstrafe galt die „25“: Über den Bock gebeugt musste das Opfer die 25 Hiebe mit einem mit Blei gefüllten Ochenziemer mitzählen. Die meisten begannen nach 3 oder 4 Schlägen mit einem Röcheln, das kein Zählen mehr zuließ; der Verurteilte lag anschließend wochenlang im Krankenrevier.

Feierabend

Werner Fink

Der Berliner Kabarettist Werner Finck wurde im KZ Esterwegen mit einem Spießrutenlauf unter Geschrei und Schlägen empfangen. Er und sein Ensemble bekamen den Befehl, der SS und den Häftlingen eine Vorstellung zu geben, für die sie zuvor in Berlin verhaftet wurden. Die Vorstellung wurde unter brausendem Beifall beendet. Im Gegensatz zu vielen, die in den KZs umkamen, wurden der Schauspieler und seine Gruppe nach relativ kurzer Zeit der Inhaftierung unter Auflagen wieder entlassen.

Treffpunkt hinter der Baracke

Politiker und Intellektuelle wie z.B. Carl von Ossietzky, Theo Haubach oder Wilhelm Leuschner fanden sich, wenn die Luft „sauber“ war, hinter der Latrinenecke zu Diskussionen zusammen. Bender vergaß nie die positiven Erfahrungen aus seiner Zeit im KZ wie die Solidarität, Kameradschaft und Hilfsbereitschaft der Gefangenen untereinander und die für ihn prägenden Bekanntschaften, aus denen Freundschaften wurden.

Ossietzky

Im KZ Esterwegen lernte Adolf Bender Carl von Ossietzky kennen. Bender war so beeindruckt, dass er ihn als Portrait in seinen Moorsoldatenzyklus aufnahm und die Treffen mit ihm in seiner Autobiographie beschreibt: „Seine körperlichen Bewegungen wirken zwar immer noch geschmeidig, aber das täuscht. Sein Körper ist sehr krank, im Gegensatz zu seiner immer noch starken geistigen Produktivität (…). Bei ihm gibt es keine Pose, alles ist Dynamik, geistige Virtuosität.“ (Bender, S. 39).

Diskussion

Eine Diskussion wie oben dargestellt wäre im Moor unmöglich gewesen, die die Wachmannschaften dies sofort mit aller Brutalität verhindert hätten. Bender hebt mit seinem Bild den kämpferischen Durchhaltewillen hervor, der auch im Moorsoldatenlied zum Ausdruck kommt: „Doch für uns gibt es kein Klagen, es kann nicht ewig Winter sein. Einmal werden froh wir sagen: Heimat die bist wieder mein! Dann ziehn die Moorsoldaten nicht mehr mit dem Spaten ins Moor …“ Die Kranken und Stubenältesten zogen nicht ins Moor zur Arbeit, sondern sie leisteten „Barackendienst“. Sie fegten, schrubbten die langen Tische mit Wasser und Sand, richteten die Betten aus, reinigten den Waschraum und machten Ordnung vor der Baracke.

KZ-Schlafraum

Es gelang immer wieder, Nachrichten von außen ins Lager zu schmuggeln. Besonders die Häftlinge, die die Wachmannschaftsräume in Ordnung hielten, hatten die Gelegenheit, Radio zu hören. Auch alles, was in Gesprächen mit mit den Posten im Moor in Erfahrung zu bringen war, wurde zusammengestellt und durch einen anonymen Sprecher, den man in der Dunkelheit nicht erkennen konnte, bekannt gegeben. Diese Nachrichtenübermittlung war äußerst gefährlich, wurde jedoch nie entdeckt.

Am stillen Ofen

In den Baracken übernahm jeweils ein Häftling die Feuerwache, um die mit Torf geheizten Öfen in der Nacht in Gang zu halten. In den Lagern bildeten sich Freundschaften, durch die Informationen ausgetauscht wurden, die überlebenswichtig sein konnten. Gerade die Wäscherei-Heizer galten als besonders zuverlässige Kumpel, die auch Informationen bewerteten und an die gefährdeten Häftlinge weitergaben.

Kartoffelschäler

Adolf Benders persönliche Situation im KZ Esterwegen bekam eine entscheidende Wendung, als der Lagerälteste ihn als Küchenchef für die SS-Küche abstellte. „Der Lagerführer, ein alter Kumpel und unerschrockener Moorsoldat, kam zu mir und machte mir den Vorschlag, den genannten Posten anzunehmen, da ich alle gewünschten Qualitäten in Bezug auf Zuverlässigkeit und Solidarität hatte.“ (Bender, S. 40)

Häftlingsküche

Bender nutzte seine Stellung in der Küche, um anderen Häftlingen zu helfen. Ihm oblag es, gemeinsam mit den Barackenältesten, die Küchenhilfen auszusuchen. In der Küche waren die Häftlinge vor den Schikanen der SS sicher. „Der Oberscharführer hatte keine Ahnung, wie viele Leute zum Heringputzen, Kartoffelschälen oder als Spülhilfe benötigt wurden, und so war es mir möglich, laufend einige gefährdete Kumpel zum Küchenkommando zu schaffen. Mit sechs Leuten hatte ich in der Küche angefangen, am Schluss waren wir 28.“ (Bender, S. 41)

Essenholer

Bender nutzte seine neue Stellung auch, um anderen Häftlingen zusätzliche Essensrationen zukommen zu lassen, indem er stets einige Liter Suppe mehr kochte, als nötig waren. Wenn die Wachmannschaften ihre Mahlzeiten eingenommen hatten, wurde der Rest an die Wachpostenhäuser verteilt. Zum Feierabend nahm Bender dann nochmals zwei Kessel zum Nachschub für die Wachposten mit, in der Hoffnung, dass diese noch genügend Restsuppe hatten.

Essenholen bei Nacht

Bei Feierabend musste Bender in Begleitung von zwei Wachposten Nachschlag für die Ablösung mitnehmen. Als allerdings bei beiden Wachen keiner Nachschlag brauchte, hatten die begleitenden Wachposten keine Lust, den langen Weg bis zur Küche zurück zu laufen, um die Kessel wieder abzustellen, und brachte Bender zum Lagereingang. Die übrige Suppe verteilte er dann unter den Baracken. Auch seinen Freund Carl von Ossietzky versorgte er heimlich nach seinem Einsatz in der Küche mit zusätzlicher Nahrung.

Uns geht die Sonne nicht unter

Die rot-orange Sonne taucht als Motiv in mehreren Bildern des Moorsoldatenzyklus und auch in seinen späteren Werken auf. „Uns geht die Sonne nicht unter“ – Dieser trotzige Satz voller Hoffnung und Stärke bestimmte auch nach all den Erfahrungen in den Lagern das Denken und Handeln Adolf Benders als streitbaren Demokraten und Zeitzeugen.